Werbung = Exkremente?

Vom kleinen Werber, der wissen wollte, wer ihm auf den Kopf gemacht hat

"Unterwegs sehe ich, wie ein völlig betrunkener Mann auf die Tür seines türkisfarbenen Porsche-Cabrios kotzt, während er versucht, den Wagen aufzuschließen. Ich sehe schnell auf die Autonummer. D wie Düsseldorf. Aha, ein Werber, denke ich. Das muss man sich mal vorstellen: Ein türkisfarbener Porsche."

Denke ich an meine Branche, denke ich an diese Zeilen aus Christian Krachts „Faserland“. Vielleicht aus Nostalgie. Vielleicht aus Amüsement. Oder vielleicht, weil ich „Werber“ und aus Düsseldorf bin.

Beschissener als ich ist nur der Versicherungsvertreter. Das sagt auch die Gesellschaft. Warum? Ganz einfach: Weil Werber es geil finden, „der armen Hausfrau ein nutzloses Produkt in den Warenkorb stopfen zu können“, wie es Frederic Beigbeder in 99 Francs schreibt. Der Werber also; ein abgedrehter Fatzke, ein spinnerter Moralscheißer, oder wie Beigbeders Protagonist Octave Parango eben ein „Weltverschmutzer“. Auch mit der Milde einer intakten Nasenscheidewand jedenfalls keiner, der etwas Nützliches schafft.

Wahrlich in den Warenkorb stopft heute, 20 Jahre nach Faserland und 15 Jahre nach 99 Francs, keiner mehr was – das geht gemütlich per Klick. Allein, in diesem komischen Internetz vernebeln bei all der Messbarkeit die Korrelationen; ein guter TV-Spot schafft Umsatz, klar, aber was schafft ein Blogpost? Statt eine Antwort zu suchen, lieber schnell ein englisches Wort erfinden, bevor die Panik losbricht. Nicht dass jemand meinen Wertbeitrag hinterfragt, oder die große Sinnsuche losbricht. Außerdem gibt es ja noch die gute alte Reichweite, auf die ist Verlass. Weniger sehen, mehr gesehen werden. Danke Google! Danke Facebook! Euronen gegen Impressionen!

Clemens Gatzmaga in Düsseldorf

Also, alles sinnlos?

Ehrlich gesagt, da denke ich noch drüber nach.
Aber vielleicht stellen wir ja einfach die falschen Fragen. Dieses „was lässt mich gut aussehen?“, das ist doch auf die Dauer ganz schön anstrengend; ich habe das, was du nicht hast. Also favorisiere, like, liebe mich. Clemens Bruno Gatzmaga. Ich poste also bin ich. Das Essen auf den Tisch, das Smartphone aus der Hülle. An meiner Selfie-Schnute muss ich noch üben, aber die pseudo-intellektuelle Schreibe läuft schon ganz gut. Hier einen literarischen Verweis und da noch einer. Und möglichst meta bleiben. Hashtag #läuftbeimir.

Nein, so wird das nichts. Ich habe ja Macken – und die Unternehmen auch. Die kennen meine Freunde, die kennen meine Fans. Wie wäre es dann mit der Wahrheit? Aufrichtigkeit ohne attraktives Äußeres könne nur scheitern? Werber-Denke der alten Schule!
Mit seinen Macken umgehen, zuhören, daraus lernen. Feedback und so. Und dabei nützlich sein. Das ist der heiße Scheiß. Oder wäre das nichts? Mit Marketingbudget für Menschen mal nützlich sein? Das wäre doch mal ein Anfang. An dem stehen wir Klick-Fetischisten nämlich noch. Und wenn das nichts ist, wird irgendein Weltverschmutzer meinem Ego schon eine Kompensationshandlung schmackhaft machen können. Türkisfarbener Porsche gefällig?

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Zusammenfassung: Facebook, Google, Euronen für Impressionen! Klick hier, klick da. Geht es auch anders? Als Marke mit seinen Macken umgehen, daraus lernen und dem Endkunden von Nutzen sein. Das wär doch mal was!