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Klingt komisch, ist auch komisch

Google Contributor als nützlicher Ad-Blocker?

„Google Contributor“ heißt das Format, bei dem User monatlich Google bezahlen, keine über Google geschaltete Werbung mehr zu sehen – und der Seitenbetreiber bekommt ein Stück vom Kuchen.

Das neue Google Produkt: Würden Sie einen monatlichen Beitrag zahlen, um weniger Ads zu sehen und gleichzeitig den Publisher zu unterstützen?

Google_Contributor

Zu flott? Hier die entschleunigte Erklärung: Der User kann monatlich ein Taschengeld von 2 bis 10 Dollar beisteuern. Dadurch werden zwischen 5 und 50% der ihm angezeigten Werbeschaltungen durch den Contributor ausgeblendet und der Seitenbetreiber profitiert davon. Das funktioniert zumindest in den USA seit November des letzten Jahres bereits auf Millionen von Websites. Google nutzt dafür das eigene Netzwerk sowie das dem Werber bekannte ad-auction-system zur Versteigerung der Anzeige:

„[The users] monthly contribution is used to bid on their behalf in the ad auction—so they end up buying the ad slot rather than a traditional advertiser.“

Wenn das User- und nicht das Werber-Budget die Auktion gewinnt, wird der Werbeslot mit einer Danke-Nachricht befüllt. Oder mit einem Katzenfoto. Kein Witz: Cat Content-Statt Werbeanzeige. I’ll make you an offer you can’t refuse. Noch geiler: Über eine Custom URL kann sich der User anzeigen lassen, was er will. Wie wäre es mit einer Termin-Erinnerung, einer To-Do-Liste oder einem Tagesmotto? Die Anzeige wird so zu einem Platz der Nützlichkeit.

Crowdfunding statt Werbung?

Hochwertigen und exklusiven Content ohne Werbeschaltungen bezahlen wir schon monatlich – die Liste der Eigenproduktionen bei Netflix, Amazon und Co. wird immer länger. Und auch Google schlägt mit YouTube Red seit dem 10. Februar in diese Kerbe. Die gewohnte Erfolgsformel: Geiler exklusiver Content – Werbung = $$$. Der Google Contributor geht aber noch einen Schritt weiter: Content – 50% der Werbung = $$$. Dabei kann der User auswählen, welcher Publisher von seinem Beitrag profitieren soll und wer nicht.

HowGoogleContributorworks

Der Haken? Mir werden weiterhin Werbeschaltungen angezeigt die nicht aus dem Google Netzwerk kommen. Befreie mich von der Werbung und erlöse mich von dem Bösen? Nur ein bisschen. Hmm. Da macht es mir der klassiche Ad-Blocker schon einfacher. Google selbst scheint sich seiner Sache auch noch nicht ganz sicher zu sein. Auf keinem der hauseigenen Blogs wurde bisher über den Service berichtet. Auf Nachfrage spricht man weiterhin von einem „Experiment“ im amerikanischen Markt. Erste Publisher sind von dem Fortschritt des Projekts enttäuscht.

Es ist also gar nicht gesagt, ob der Contributor es in den deutschsprachigen Raum schafft. Schade eigentlich, denn neben Paywall oder Werbung bietet das Modell einen dritten Finanzierungsweg für die Content-Produzenten. Ein Hauch Crowdfunding. Was auch zieht: Der große Show off zwischen Werber und User. Die Reibungsfläche von werbemüden Millenials und der digitalen Werbepenetration repräsentiert in einer Versteigerung. Bei mehr geblockten Ads stünde der Werber noch dringender vor der Entscheidung: Entweder Budgets hochdrehen, um gegen die sinkende Zahl der Impressions anzukämpfen. Oder das Budget in relevante Werbebotschaft investieren.

Weiterführende Informationen:

https://support.google.com/contributor/answer/6286709

 

  Google macht einen Ad-Blocker gegen monatliche Bezahlung. Das hat seinen Reiz. Denn auch die Publisher profitieren von dem Modell. Der Haken: Nicht alle Anzeigen können geblockt werden. Fragwürdig ob sich das durchsetzen kann. Was auf jeden Fall bleibt: Eine weitere Erscheinung in den Sphären des werbemüden Nutzers.
Gesichtserkennung

Ich kenne dich irgendwoher…

Ein kritischer Blick auf die Entwicklung und den Einsatz von Gesichtserkennung im Social Web

I’ve grown a acccustomed to her face“ sinniert Rex Harrison 1956 im Musical „My Fair Lady“. 59 Jahre später automatisiert ein kanadischer Entwickler die Speeddating-App Tinder durch Gesichtserkennung und „gewöhnt“ sein Smartphone so an hunderte von Damen, die ihm gefallen könnten. Datengiganten wie Facebook und Google forschen fleißig mit, lehren ihre Computer anhand von Face Recognition zu erkennen, wer oder was zu wem passt. Technisch genial? Oh ja. Creepy? Oh ja.

Eins vorweg: automatisierte Gesichterkennung ist nicht neu. Entsprechende Verfahren und Technologien wurden schon vor Jahrzehnten entwickelt. Dahinter stecken in der Regel drei einfache Schritte: ein Computer „lernt“ Gesichtsstrukturen anhand von einer bestimmten Datenmenge, verdichtet sie zu einer Maske und gleicht diese mit anderen Gesichtern ab. Ein einfaches Beispiel dafür ist die Eigengesicht-Methode.

10 potenzielle Dates in 48 Stunden

Wie simpel man derartige Verfahren für eigene Zwecke einsetzen kann, beweist der kanadische Entwickler Justin Long. Er hat mithilfe der Eigengesicht-Methode einen Tinder-Bot zusammengebastelt. „Tinderbox“ lokalisiert automatisch Tinder-Matches und spielt dem jeweiligen User Notifications aus, wenn ein Match gefunden wurde. Alles, was der Bot braucht, um zu funktionieren, sind 60 „yes“ oder „no“ Entscheidungen des Tinder-Users. Den Code hinter seiner Entwicklung stellt Long auf Github jedem zum Download und zur Weiterentwicklung bereit. Der Entwickler hat laut eigenen Angaben Tinderbox deaktiviert, weil es „zu gut funktioniere“. 70 % der Bot-Entscheidungen seien Treffer gewesen. Um all die daraus resultierenden Matches zu daten, braucht es vermutlich viel Ausdauer.

Deepface und die große Frage nach dem „Ob“

Eine 70prozentige Trefferquote ist nicht schlecht. Dass Gesichtserkennung noch viel akkurater und größer funktioniert, zeigt Facebook. Seit einigen Jahren geistert deren Forschungsprojekt „Deepface“ durch die Medien. Dahinter verbirgt sich ein komplexes, technisches Verfahren, das laut Facebooks Angaben Gesichter in 97,35 % der Fälle wiedererkennt (Untersuchungsgrundlage: über 4 Millionen Bilder aus über 4.000 Facebook-Profilen). Viel akkurater erkennen Menschen einander nicht (97,5prozentige Erkennungsquote). Facebook erkennt uns User also derzeit fast genau so gut, wie wir einander im Real Life erkennen. Wow…

Deepface generiert anhand von unterschiedlichen fotografischen Aufnahmen eines Gesichts ein 3D-Modell, das wie eine Universalmaske exakt jenem Gesicht passt und es identifizierbar macht. Daraus entsteht eine Art Foto-ID für jeden Facebook-User.
Facebook weiß dementsprechend ohne weitere Angaben wie Location, Text oder Tags anhand von Fotos, wo sich ein User aufgehalten hat, mit wem er unterwegs war und wofür er sich interessiert. Die bisher von Facebook gesammelten Personendaten werden also sozusagen um eine sehr persönliche und eindeutig zuordenbare Komponente ergänzt.

Was Facebook mit den Ergebnissen aus Deepface macht? Laut eigenen Angaben dient Deepface nur Forschungszwecken. Es werde nicht aktiv angewendet. Was Facebook mit den Daten machen könnte, liegt auf der Hand: Geld. Ad-Targeting würde sich zum Beispiel nicht mehr nur auf Nutzerangaben- und verhalten beschränken. Werbebotschaften ließen sich so um ein vielfaches treffsicherer an den Mann oder die Frau bringen: „We know you like these glasses because we saw you wearing similar ones!“ Dass diese Entwicklung von vielen Datenschützern und Privacy-Verfechtern mehr als kritisch gesehen wird, liegt auf der Hand.

  • Zu den bekanntestesten Gesichtserkennungs-Verfahren gehört die „Eigengesicht-Methode“.
  • Menschen erkennen Gesichter in 97,5 Prozent der Fälle wieder.
  • Facebooks Deepface unterbietet diesen Wert laut eigenen Angaben nur knapp: 97,35 %.
  • Angeblich wird Deepface nur zu Forschungszwecken verwendet werden. Angeblich.
Lichtfahrer sind sichtbarer

Volvo bringt britische Radfahrer mit Life Paint zum Leuchten

Volvo Life Paint

Volvo kümmert sich um die Sicherheit von britischen Radfahrern und stellt ihnen ein Spray namens Life Paint zur Verfügung, das mittels reflektierender Partikel, Fahrrad, Helm oder Kleidung im Dunkeln sichtbarer macht.

In Großbritannien sind jährlich über 19.000 Fahrradfahrer in Unfälle verwickelt. Und obwohl sich Radfahrer und Autofahrer täglich darum streiten, wer denn nun „King of the road“ sei, hat ausgerechnet ein Autohersteller die Sicherheit von britischen Radfahrern zur Priorität gemacht. Volvo UK bringt eine Sprühfarbe auf den Markt, die auf Fahrrad oder Helm gesprüht, bei Nacht Licht reflektiert und so dazu beiträgt, Radfahren im Dunkeln sichtbarer zu machen. Die Entwicklung der Life Paint ist Teil von Volvos 2020 Vision, die sich als Ziel setzt, dass in fünf Jahren keine Personen mehr durch neue Automodelle von Volvo zu Schaden kommen werden.

Volvo hat mit Life Paint eine Nutzen stiftende Kampagne entwickelt und der Run auf das Produkt gibt ihnen Recht. 2000 Dosen der reflektierenden Farbe werden in insgesamt sechs Fahrrad Geschäften in London und Umgebung gratis angeboten und sind innerhalb kürzester Zeit ausverkauft. Sofort findet die Life Paint ihren Weg auch auf eBay und wird dort für über 180 Dollar verkauft.

Auch auf Social Media hinterlässt die Life Paint ihre Spur. Das Video, in dem die Volvo Sprühfarbe vorgestellt wird, erhält allein auf YouTube über 4,5 Millionen Views und 12.500 likes.

Ein PR Erfolg für Volvo, der das Potential hat Radfahren sicher zu machen?

Absolutely! Doch nicht alle Radfahrer zeigen sich mit der Volvo Kampagne einverstanden. So wird kritisiert, dass sich die Maßnahmen zur Verbesserung der Radfahrbedingungen nur an die Radfahrer selbst richten, die Autofahrer jedoch nicht angesprochen werden. Der Zorn eines dänischen Radfahrers auf Volvo geht gar so weit, dass er eine Petition ins Leben gerufen hat. Die Petition fordert Volvo dazu auf, alle Volvo Autos und Trucks mit Life Paint sichtbarer zu machen, und nicht nur Fahrräder. Auch wird in Frage gestellt, ob erhöhte Sichtbarkeit bei Radfahrern wirklich das Risiko senkt in einen Unfall verwickelt zu werden.

Dass Volvo in der Markenkommunikation auf das Thema Sicherheit setzt, ist durchaus überzeugend und auch die Life Paint Kampagne entfacht einen Hype, mit dem die Verantwortlichen sicher mehr als zufrieden sind. Und trotzdem nehmen Einige Volvo die Nächstenliebe nicht wirklich ab. Ein Los, das viele Marken, die nützliche Werbung machen, trifft, das sich jedoch schwer verhindern lässt. Haters gonna hate oder so ähnlich. Auch wenn es im Fall von Volvo Life Paint nur ein dänischer Radfahrer ist, der seinem Ärger auf die Autoindustrie Luft macht (und vielleicht nebenbei den in Dänemark nicht gerade beliebten Schweden eins auswischen will).

  • Volvo UK bringt eine Sprühfarbe auf den Markt, die auf Fahrrad oder Helm gesprüht, bei Nacht Licht reflektiert und so dazu beiträgt, Radfahren im Dunkeln sichtbarer zu machen.
  • Die 2000 in London und Umgebung verteilten Spraydosen sind innerhalb kurzer Zeit ausverkauft und werden auf eBay für 180 Dollar angeboten.
  • Kritiker der Life Paint sehen darin keine innovative Lösung, die Unfälle wirklich verhindern kann.
Was wurde aus

…dem „talentierten“ Trinkplakat?

Slide Water Billboard

In Perus Hauptstadt Lima mangelt es an sauberem Trinkwasser. Außerdem regnet es fast nie. Das führt 2013 zu einem Werbeplakat, das täglich 96 Liter frei abfüllbares Trinkwasser kondensiert und nebenbei für Ingenieursnachwuchs wirbt.

Die Ausgangslage ist ziemlich trocken. Wie auch Limas Standort, an der nördlichen Grenze der Atacama – bekannt, als die trockenste Wüste der Welt. 700.000 Peruaner haben in Lima keinen Zugang zu sauberem Wasser. Weitere 600.000 der fast 9 Millionen Einwohner von Lima sind von Zisternenwasser abhängig. Per Hand müssen sie es aus unterirdischen Sammelbecken pumpen und reinigen. Dazu mangelt es UTEC, der lokalen technischen Universität an Ingenieursnachwuchs. Zusammen mit ihrer Werbeagentur versuchen sie 2013 beide Probleme zu lösen.

potable water billboard

Trotz nahezu keinem Niederschlag, herrscht wegen der Küstenlage Limas eine hohe Luftfeuchtigkeit. Also beginnt das UTEC-Team ein 20 Meter hohes Werbeplakat an der Autobahn Panamericano mit Filtern und Becken für 1200 Dollar aufzurüsten. Seitdem filtern fünf Generatoren täglich mindestens 96 Liter Trinkwasser aus der 83 prozentigen Luftfeuchtigkeit. Laut der peruanischen Agentur Mayo DraftFCB produzierte die Maschine in den ersten drei Monaten 9.450 Liter Trinkwasser.

potable-water-generator

So geht dann wohl gute Werbung, findet später auch Cannes. Hunderte Menschen im Umkreis müssen sich seit 27 Monaten nicht mehr um Trinkwasser sorgen. Nicht bloß für eine kurze Promotionsphase. Die UTEC hat im besten Sinne für sich geworben, was man mit einem technischen Studium so alles anstellen kann. Und nebenbei stiegen die Immatrikulationen im Jahre eins der Installation des Plakats um 38%.

Und wie geht es weiter?

Der Discovery Channel, BBC News oder Wired berichten darüber. Millionen Menschen sind begeistert und teilen die großartige Idee. Pünktlich zum neuen Semesterbeginn 2014 widmet sich das UTEC-Team mit einem neuen Plakat der drückenden Luftverschmutzung von Lima. Hinter einem Werbeschild errichten sie einen Luftreiniger, der die Filter-Arbeit von 1200 Bäumen erledigt. Genauer gesagt, handelt es sich um eine Luftwäsche von täglich 100.000 qm Luft. Wer schon mal in Lima war, weiß was für eine immense Wohltat das ist.

Fresh air in the block

Breathing easier big city

Davon profitieren nun fünf umliegende Blocks. Doch bevor die UTEC ihre „talentierten“ Plakate in die Welt schickt, wollen die Wissenschaftler erst eine Testreihe abschließen um die höchstmögliche Effizienz zu erreichen. Aktuell läuft die Maschine mit 100% wiederverwendetem Wasser und dem Energieverbrauch eines Staubsaugers: 2500 Watt pro Stunde. „Mit unseren Plakaten versuchen wir die Lösungskraft unserer technischen Studien zu zeigen“, sagt Jessica Rúas von der UTEC. Das ist wohl gelungen. Klar kann man die beiden eingesetzten Maschinen noch mit Solar und Windkraft optimieren. Aber um die Plakatmaschinen in die Welt hinaus zu tragen, muss jetzt nur noch jemand ein Geschäft daraus machen. Vielleicht in dem man das Abwasser bzw. den Klärschlamm der Maschine verkauft. Algenfarmen, die Brennstoffe aus Algen herstellen würden für diese „Algennahrung“ gutes Geld bezahlen.

  • Die UTEC, Universidad de Ingeniería y Technología (Universität für Ingenieurwesen und Technologie) in Lima (Peru) entwickelte ein Werbeplakat, dass aus Luftfeuchtigkeit frei zugängliches Trinkwasser für die Bevölkerung erzeugt.
  • Da die Region unter extremer Trockenheit leidet und vielen ärmeren Familien in der Region nur verschmutzes Brunnenwasser zur Verfügung steht, löst diese Erfindung ein echtes Problem.
  • Tatsächlich handelt es sich bei dem Plakat um ein Werbeplakat für die Universität selber, auf dem für Ingenieursnachwuchs geworben wird.
  • Der neueste Clou der UTEC: Ein Riesen-Plakat "wäscht"täglich 100.000 qm Luft, es erledigt die Filter-Arbeit von 1200 Bäumen.